Biologisch-dynamischer Weinanbau

Unsere Wandelvan-Reise brachte uns Mitte September in die Region Burgund (franz. Bourgogne),die durch ihre hügelige Landschaft und unzähligen Weinberge geprägt ist. Überall begegneten uns Weingute, die uns mit großen Schildern einluden, ihren hauseigenen Wein zu probieren und wir sahen Maschinen und Menschen, die auf den Feldern an den Weinreben arbeiteten. Das weckte unsere Neugier. Wir wollten mehr über die französische Weinkultur erfahren.

Die Suche nach handverlesenem Wein

Also gingen wir auf Entdeckungstour: Wir suchten einen Winzer, der seinen Wein auf nachhaltige, naturschonende Weise anbaute und den wir bei seiner (Ernte-) Arbeit unterstützen könnten. Den ersten Tipp gab uns eine liebevolle Verkäuferin eines kleinen „Tante Emmaladens“. Sie empfahl uns im zentralen Winzerbüro „BIVB – Le Bureau Interprofessionnel des Vins de Bourgogne“ in Mâcon (Hauptstadt der Provinz Burgund) nachzufragen. Nachdem wir dort unser Anliegen mit gebrochenem Französisch,Händen und Füßen erklärt hatten, verließen wir das Büro mit einigen Empfehlungen von Orten, an denen Winzer noch per Hand ihren Wein ernten. Einer dieser Orte war das kleine charmante Dorf Clessé. Das erste Weingut, welches wir dort besuchten, war die Domäne „Dananchet“. Ein großes Schild mit der Aufschrift „Biologischer Wein“ lud uns ein. Im Hof trafen wir den Winzer Florent, der uns freudigbegrüßte.

Dananchet – ein Familienunternehmen in 3ter Generation

Florent erzählte uns, dass das Weingut „Dananchet“ ein kleines Familienunternehmen in dritter Generation sei. Es wird von ihm und seinem Bruder Benjamin betrieben. Das Grundstück besteht aus einem Hof mit Wohnbereichen, Verkaufsbereich, Fabrik, Lagerräumen für Geräte und Maschinen sowie einem süßen Gemüsegarten. Die Weinreben selbst sind auf verschiedenen Weinbergen rund um das Dorf Clessé verteilt. In der Fabrik der Dananchet‘s wird hochqualitativer, biologischer, handgelesener Weisswein (Chardonnay) und Rotwein (Pinot) hergestellt und in deren Verkaufsräumen direkt vor Ort und u.a. von Florent´s Frau in Lyon verkauft. Wegen der Nachfrage nach preiswerteren Weinen und sicher – so glauben wir – um mit der Konkurrenz mitzuhalten, gibt es ebenfalls billigere im Angebot. Diese erntet Florent mit einer Erntemaschine. Die Qualität dieser Weine ist nach seiner Auskunft weniger gut, denn bei der maschinellen Ernte werden die Weintrauben durch ein kräftiges Rütteln vom Rebstock gelöst. Dadurch lösen sich auch Zweige und Blätter, die letztendlich in der Fabrik mit gepresst werden und sich auf den Geschmack auswirken. Ein echter Weinkenner merke dies sofort, sagte Florent.

Geheimrezept- biologisch dynamische Landwirtschaft nach Mondphasen

Die hohe Qualität des Weines der Dananchet´s entsteht nicht nur durch die Ernte per Hand, sondern auch durch die biologisch-dynamische Bewirtschaftung der Weinflächen nach dem demeter-Ökosiegel. In diesem ganzheitlichen Konzept werden die natürlichen Kreisläufe der Natur uneingeschränkt berücksichtigt und vollständig auf Chemikalien und Kunstdünger verzichtet. Mit Hornmist von Kühen oder Hornkiesel wird der pH-Wert des Bodens reguliert. Die Arbeiten auf dem Weingut werden ebenfalls nach dem Mondkalender ausgerichtet, z.B. werden Rebarbeiten bei zunehmendem und abnehmendem Mond gemacht, Unkraut wird bei abnehmendem Mond bearbeitet und der Termin für die Weinlese wird im Einklang mit den Mondphasen festgelegt. Wir hatten Glück und waren zur richtigen Zeit am richtigen Ort: Florent suchte noch Erntehelfer und in zwei Tagen sollte die Ernte beginnen.

Die Weinernte per Hand

In unserer Zeit als Erntehelfer standen wir jeden Morgen spätestens 7:30Uhr auf dem Hof der Dananchet´s. An heißen Tagen begannen wir mit der Arbeit bereits 6:30 Uhr. Immer mit im Gepäck hatten wir ausreichend Wasser, einen Strohhut, festes Schuhwerk, Sonnenschutz und gute Laune. Auf dem Hof wurden wir herzlich von den anderen etwa 30 Erntehelfern mit den traditionellen Wangenküsschen (franz. Bise) begrüßt. Gemeinsam fuhren wir zu den Weinreben, die sich täglich an verschiedenen Orten befanden. Durch den Anbau von Wein auf unterschiedlichen Weinfeldern können die Winzer Missernten vorbeugen. Die durchschnittliche Länge einer Weinrebe war ca. 75 Meter mit einer Rebstockhöhe von 1m bis 1,50m. Bedingt durch die Höhe der Weinreben arbeiteten wir meistens im Hocken, gebeugt oder gebückt. Jede Rebe wurde durch zwei Personen (eine rechts und eine links) mit Hilfe von zwei Werkzeugen abgeerntet: 1) eine sehr scharfe, nach vorn spitzverlaufende Rebschere und 2) einen 10l Eimer, der stets dicht am Rebstock stand,damit die Weintrauben hineinfallen konnten. Wenn der Eimer voll war, wurde laut„Porteur“ gerufen, sodass dieser mit seiner 80l-Tragebütte auf dem Rücken (80kg max. Gewicht) die Trauben auf einen Traktoranhänger bringen („porter“ =bringen) konnte. Sobald der Anhänger voll beladen war, wurde er zur Fabrik auf der Domäne gefahren. Dort wurden die Weintrauben sofort gepresst und in Tanks abgefüllt. Für eine Weinrebe brauchte ein Team etwa eine Stunde. Um das Tempo beim Ernten anzupassen, gab es zusätzlich „Springer“, die an den Weinreben, die langsamer abgeerntet wurden, mit halfen. Außerdem halfen die Arbeiter, die mit dem Weinlesen an ihrer Rebe fertig waren, an den anderen Weinreben mit.Besonders Spaß machte das gemeinsame Ernten zu sechst, acht oder zehnt an einer Weinrebe, das manchmal aus Zeit- oder Platzgründen durchgeführt wurde und nur 10 bis 15 min pro Rebe dauerte. Die ersten drei Tage waren für uns die größte Herausforderung. Wir hatten kleine Schnittwunden an den Händen, starken Muskelkater am Rücken, Po und Oberschenkeln und die Sonne brannte uns im Gesicht. Ab dem vierten Tag fühlten wir uns immer fitter und kraftvoller. Unsere Körper gewöhnten sich an die Bewegungen und unsere Handgriffe wurden schneller und präziser.

Französische Weinkultur

Das 30-köpfige Erntehelferteam bestand aus Familienmitgliedern, Mitarbeitern, Freunden, Bekannten, Dorfbewohnern und einpaar Reisenden und Überlebenskünstlern. Diese bunte Mischung sorgte stets für eine ausgelassene Stimmung und Heiterkeit. An den Weinreben sowie beim Zusammensein davor und danach wurde viel erzählt (französisch/englisch), viele Späße gemacht, gelacht, geraucht, gesungen und Musik gehört. Zum gemeinsamen Mittagessen in der Scheune der Dananchet´s gab es verschiedene typisch französische Fleischgerichte,dazu Käse, Wein und Baguette. In diesem Jahr war es das erste Mal, dass auch Veganer und Vegetarier (wir und noch drei andere Arbeiter) als Erntehelfer dabei waren. Die vegan-vegetarischen Alternativen waren frische Tomaten und Salat aus dem Garten, Olivenöl, Baguette und die fleischlosen Beilagen. Als Nachtisch gab es Kaffee und Schokolade oder Kuchen. Nach jedem Arbeitstag lud Florent die Helfer zu einem gemeinsamen Feierabendbier auf dem Hof ein. Untergebracht waren die Helfer entweder bei Freunden und Familie, die im Umkreis lebten. Einige wohnten in der Nähe und andere zelteten in der Umgebung. Es gab ein kleines Erntehelfer-Camp an der Saône, wo auch wir mit unserem Wandelvan standen. Dort gab es gegen Ende der Weinlese ein selbstorganisiertes kleines Erntefest am Flussufer mit Lagerfeuer, gemeinsamen Essen und (natürlich!) Wein.

Nach den knapp zwei Wochen Eintauchen in die französische Weinkultur fiel es uns nicht leicht, Abschied zu nehmen und weiterzureisen,denn wir hatten viele bezaubernde neue Herzensmenschen kennen gelernt. Auf unserer Weiterfahrt in den Süden nahmen wir spannende Einblicke in den biodynamischen Weinbau mit. Auch unser Französisch-Wortschatz war um einige Begriffe reicher geworden. Durch die körperliche Arbeit fühlten wir uns fit und kraftvoll. Und dennoch fühlte es sich gut an aufzubrechen, denn weitere Wandel-Abenteuer warteten auf uns…

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